TAG 11: Rückkehr

Ab dem ersten Tag der Projektreise saßen Gregor und ich jeden Abend gemeinsam am Tisch, um die neusten Eindrücke, Ideen und aber auch den Plan für den nächsten Tag zu besprechen. Das war für mich eine tolle Möglichkeit zu lernen, was Projekt- und Entwicklungszusammenarbeit überhaupt heißt und wie die Abläufe in den Projekten funktionieren. 

Doch an diesem Abend saßen wir mit gemischten Gefühlen da – ein Thema hat sich über Nacht in die Agenda reingeschlichen, das wir überhaupt nicht haben wollten. Angeblich sollte sich in den letzten Tagen eine neue Virusvariante in Südafrika verbreitet haben, die wohl auch sehr ansteckend ist. Unser nächstes und letztes Reiseziel, für das wir aber auch mehrere Tage einplanten, war Malawi. Das Land befindet sich zwar rein geografisch in Ostafrika, es stand beim Auswärtigen Amt aber trauriger Weise auf der Liste der Länder mit besonders hohem Infektionsrisiko (Virusvarianten-Gebiet). Was nun? 

 

Plötzlich ging es nicht mehr um die morgige Planung von Besuchen in Schulen, Dörfern oder Siedlungen, sondern um die Umbuchung von Flügen und die Stornierung von Hotelübernachtungen. Nachdem wir die ersten Meldungen zum Thema Omikron erhielten, waren wir noch fest davon überzeugt, dass wir davon nicht betroffen seien und wir die Reise wie geplant noch eine Woche lang fortsetzen könnten. Bis zuletzt stand die Entscheidung in unseren Köpfen bei 70:30 dafür, dass wir nach Malawi weiterfliegen. Gerade erst hatten wir uns als neues Team eingespielt. Jeder wusste, was der andere macht und wir ergänzten uns vor Ort so gut. 

 

Sogar bei so einer banalen Aktion am Flughafen, bei der Gregor wieder einmal nachweisen muss, wo wir übernachten oder von wem wir ein Einladungsschreiben vorliegen haben, wusste ich: Zuerst würde er die Bücher aus dem Rucksack rausholen, dann den kleinen Kürbis, den er in Juba geschenkt bekommen hat und erst dann den fetten Ordner mit allen Buchungen. Selbst im Schlaf wüsste ich sicher, ich sollte wieder daneben stehen, um ihm das alles abzunehmen, bis er dem  – wie überall auf der Welt – wenig beeindruckten Beamten am Schalter die Papiere vorlegen konnte. Bestimmte Automatismen im gemeinsamen Handeln, die einem das Reisen und die Arbeit erleichtern, schienen einwandfrei zu funktionieren. Und jetzt der Reiseabbruch? So abrupt und fast über Nacht? Das konnte doch nicht sein?

 

Doch die Realität holte uns schnell ein: Seitdem Malawi zum Virusvarianten-Gebiet zählte, ergaben sich zu viele Fragezeichen: Was, wenn wir doch hinfliegen und dann aber die Rückflüge gestrichen werden? Bietet unsere Impfung überhaupt einen Schutz gegen Omikron? Reagieren die Tests darauf? Zu viele Fragen, zu wenig Antworten. Schweren Herzens mussten wir sichergehen und eine ganze Woche in Malawi weglassen. Es war entschieden: Wir fliegen nach Hause!

 

Zum Glück mussten wir einen ganzen Tag auf unseren Flug von Uganda nach Frankfurt warten und konnten dadurch die letzten Eindrücke und Sonnenstrahlen ein paar Stunden länger genießen. Mit gemischten Gefühlen gingen wir noch zu einem Markt, die Geschenke für unsere Familien durften im Koffer ja nicht fehlen. Affen sprangen um uns herum, riesige Marabus flogen hoch über die Bäume, aus den Bäumen kam ein unbekanntes Vogelgezwitscher. Ich vermisste jetzt schon die Menschen, die ich auf dem Weg kennenlernte. Ob ich sie je wiedersehen würde?

 

Und schon war es wieder soweit: Das Programm 800 km/h auf 12.000 Metern Höhe, Flugrichtung Frankfurt. Die letzten Zeilen in diesem Reiseblog. So gern hätte ich ihn doch eine Woche länger geführt! Noch sieben Tage voller Geschichten, Menschen, denen unsere Projekte helfen konnten, zahlreichen Eindrücken und ein weiteres neues Land... Aus dem Fenster konnte ich noch auf die Staubstraßen blicken, dann kurz auf den Nil. Zuhause hatte ich ja auch die Spree. Das Wissen beruhigte mich innerlich. Ganz sicher war Zuhause aber noch eins:

Die erste Station jeder neuen Reise. Mit diesem Gedanken konnte ich getrost weiterfliegen. „Muzungu – over and out“.

Ivo Kamenov

Ivo ist begeisterter Fachmann in Bezug auf alles, das mit Social Media und Pixeln zu tun hat. So ist er im Team Presse beim GdW für den Social Media-Auftritt und die Onlinekommunikation zuständig. Er produziert Fotos, Videos und Grafiken. Bei der DESWOS unterstützt Ivo seit 2019 tatkräftig die AG Social Media in Sachen Content und Marketing.

Mit 1.000 Fragen und Ideen, seiner Kamera und DESWOS-Projektbetreuer Gregor Peter hat Ivo sich am 19. November 2021 auf die Reise zu den Hilfe zur Selbsthilfe-Projekten in Afrika gemacht.